Mehr als 200 Menschen kamen

Gedenken durch Schülerinnen und Schüler

Gedenken an das Pogrom in Kempen vor 87 Jahren - mit Schülerinnen und Schülern des Rhein-Maas-Berufskollegs. Ihre Gedanken mahnen zum täglichen Einsatz gegen Antisemitismus und Rassismus. Und ihre Mahnung ist wichtig - denn große Teile des Auditoriums waren 60+. Es liegt an der jungen Generation, das Gedenken weiterzutragen. Bei ihren einleitenden Worten hatte die Vereinsvorsitzende Dr. Ina Germes-Dohmen die Bedeutung des Gedenkens betont und auch an ein paar Kempener Tatsachen erinnert. Zum einen wurde die Kempener Synagoge am Morgen des !0. Novembers in Brand gesteckt - nicht am 9. Die Gedenkstunde ist nur aus Rücksicht auf den Martinszug vor 22 Jahren  einen Tag vorverlegt worden. Zum anderen stellte sie noch einmal klar, dass die Synagoge nicht an der Stelle des Mahnmals gelegen hat, sondern östlich des Mahnmals, dort wo heute die Gärten der Häuser am Donkring sliegen.  Um dies in das Bewusstsein zu rufen, hat der Kempener Geschichts. und Museumsverein eine Stele finanziert, auf der ein Plann den Standort zeigt und auch alle Namen der jüdischen Familien nennt, die nach heutigem Kenntnisstand verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden.

Aber eine Stele allein ist noch kein Gedenken. Reicht es, die Geschehnisse von damals jährlich zu wiederholen?  Was erwarten junge Leute von heute von einem Gedenken, was erwarten sie von uns Älteren??  Dieser Frage waren die anwesennnden Schülerinnen und Schüler mit ihrem Lehrer Antonio LIepold nachgegangen und liessssen die zahlreichen Anwesenden daran teilhaben. Symbolisch übergab Dr. Germes-Dohmen den Schülern als Vertreter der jüngeren Generationeinen Staffelstab,  damit Gedenken auch in Zukunft geschehen wird.

Hier die Gedanken der jungen Leute, die sie abwechselnd vortrugen.

Wir nehmen den Stab entgegen und formulieren unsere Erwartungen:

Diese Erwartungen richten sich an Euch, die Älteren, die Boomer, und natürlich an uns und die ganze Gesellschaft. Wir wollen etwas bewegen. Deswegen stehen wir hier.

Jeden Tag hören wir von Rassismus und Antisemitismus in der Gesellschaft. Wir erwarten, dass Hass und Ausgrenzung in unserer Gesellschaft klar benannt und bekämpft werden - in Schule, Politik und Alltag.

An der Bushaltestelle kam es zu rassistischen Beleidigungen. Wir erwarten, dass niemand wegen seiner Herkunft, Religion oder Meinung

Wir erwarten, dass Menschen Zivilcourage zeigen und sich mutig gegen Unrecht und Diskriminierung stellen. Auch und gerade auf Social Media.

Im Zug wurde ein junger Mann mit dunkler Haut dumm angemacht, außer mir hat niemand etwas gesagt. Wir erwarten, dass nicht weggeschaut wird.

An unserem Berufskolleg werden Menschen aus aktuell 70 Nationen unterrichtet. Wir erwarten, dass Vielfalt als Stärke gesehen wird.

Die Lehrerinnen und Lehrer erklären uns, was früher passiert ist. Wir verlangen aber, dass Geschichte nicht nur erzählt, sondern verstanden und daraus gelernt wird.

In den letzten zwei Jahren häufen sich die Fälle von Antisemitismus, auch bei uns am Niederrhein. Wir erwarten, dass die Politik nicht nur Worte ausspricht, sondern gegen Antisemitismus handelt.

Wir erwarten, dass es weiterhin sichtbare Orte wie diesen oder die Stolpersteine in unserer Stadt gibt, um Erinnerung aufrecht zu erhalten.

Einige Politiker äußern inzwischen Verständnis für die Feinde der Demokratie. Wir erwarten, dass radikalen Parolen mutig widersprochen wird.

Viele von uns interessieren sich nicht für das, was war. Wir erwarten, dass auch wir - die jüngere Generation - der Geschehnisse von vor 87 Jahren gedenkt.

Viele junge Leute aus unserer Generation wissen nichts mehr über die Zeit des Nationalsozialismus. Wir erwarten, dass Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.

Wir hören immer wieder von Leuten in unserem Alter, dass Deutschland vor allen anderen zählt. Wir erwarten, dass der Nationalismus keine Überhand gewinnt.

Es gibt viele Veranstaltungen zum Gedenken an Diktatur und Gewaltherrschaft. Wir erwarten, dass Erinnerung bedeutet, Verantwortung zu übernehmen - jeden Tag, nicht nur am 9. November.

 

Einer der Anwesenden war Erich Wüllems, Jg. 1928. Wüllems hat 2019 an dieser Stelle von seinen Erinnerungen an die Pogromnacht 1938 gesprochen und davon, dass er mit den anderen Kindern an der noch qualmenden Synagoge vorbeigehen musste beim Martinszug. An diesen Abend, so sagte er damals, habe er sein ganzes Leben und vor allem am Martinsabend denken müssen, an den Schrecken, den er empfunden habe, und an die vielen Fragen, die er als Kind gehabt habe und die ihm keiner beantworten wollte. Der alte Kempener freute sich sehr, dass die Schülerinnen und Schüler sich an diesem Abend engagierten und die Verantwortung für das zukünftige Gedenken angenommen haben. Das habe ihn sehr berührt, bekannte er.

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